Laura B. Reich: Flugangst inklusive!

Melanie hoch über den Wolken


Leseprobe 2 - Ver. 13.04.2019

    

Inhaltsverzeichnis

  • Rollfeld
  • Vorgeplänkel
  • Steigflug
  • Kursänderung
  • Normalbetrieb
  • Turbulenzen
  • Bruchlandung
  • Zwist
  • Entspannung
  • Tagesgeschäft
  • Peinlichkeiten
  • Zwangspause
  • Notfallplan
  • Futterneid
  • Landeanflug
  • Hangar

Vorgeplänkel

Ich freue mich auf den heutigen Flug nach Osaka. Irgendwie habe ich in den letzten Jahren ein Faible für die Strecke entwickelt, was vielleicht auch an den Fluggästen liegen mag, die ich auf dieser Route üblicherweise antreffe. Neben zahlreichen, Geschäftsreisenden befindet sich vor allem jede Menge Partyvolk an Bord. Ich für mich nenne sie so. Und obwohl ich nicht gerade die besten Erinnerungen an Fluggäste in ausgelassener Partylaune hege, gibt es Unterschiede. Im Gegensatz zu Billigflügen nach Mallorca, in die Dominikanische Republik oder in die Türkei mischen sich auf die Flüge nach Japan selten Proleten und Randalierer darunter. Also jene Gesellen, denen ich nicht einmal zu Hause gerne auf der Straße begegnen will. Manche von ihnen können völlig harmlos sein und nur Feiern im Kopf haben. Aber einige wenige unterscheiden sich kaum von den Hooligans, die zu den Fußballspielen ihrer Mannschaften volltrunken durch die Städte ziehen und für Ärger und Gewalt sorgen.
Genau an diesem Punkt kann es gefährlich werden. Das Fatale daran ist, dass es über den Wolken keine Chance des Entrinnens gibt. Gelingt es jemanden, die Kollegen bei der Sicherheitskontrolle und dem Check-in zu täuschen, liegt es bei uns, der Crew, noch im allerletzten Moment, womöglich erst während des Betretens der Kabine, potenzielle Störenfriede zu identifizieren und sie abzuweisen. Es kann gehörig Ärger bedeuten, wenn wir bei unserer Einschätzung daneben liegen, aber was wäre die Alternative? Im schlimmsten Fall sind wir in dem engen Raum für mehrere Stunden mit solchen Passagieren eingesperrt. Falls dieser Fall jedoch eintritt, so besteht genau darin die Herausforderung für eine Flugbegleiterin wie mich, auch mit extremen Situationen professionell umzugehen und stets einen kühlen Kopf zu bewahren. Seit einem hässlichen Vorfall, als wir einen randalierenden Fluggast bis zur Landung festsetzen mussten, um ihm der Polizei zu übergeben, haben wir sogar einige griffbereite Kabelbinder als Fesselersatz an Bord verteilt.
Für die Strecke Frankfurt - Osaka rechne ich dieses Mal kaum mit irgend welchen Problemen. Die zahlreichen Japaner, die wir heute an Bord begrüßen dürfen, suchten die vergangenen Tage kurzweiligen Spaß und Unterhaltung in Europa. Den Wenigsten bleibt dabei tatsächlich Zeit für echte Entspannung und Erholung. Jetzt, auf dem Rückflug, nutzen sie die letzte Chance, noch ein bisschen zu feiern, bevor am Montag wieder der triste Alltag in Schule, Studium oder Job beginnt. Die meisten von ihnen besitzen zum Glück so viel Anstand, nicht gleich aus der Rolle zu fallen. Gefährlich wird es lediglich nach der Verteilung der alkoholischen Getränke. Der geringe Kabinendruck während des Fluges, der ungefähr einer Höhe von 2.500 Meter über Meeresniveau entspricht und die asiatische Eigenheit, mangels eines bestimmten Enzyms Alkohol langsamer abbauen zu können, erfordert ein hohes Maß an Diplomatie. Ich bin es inzwischen gewohnt, mit den damit verbundenen Risiken umzugehen. Meiner Kollegin Britta will ich deshalb noch rasch ein paar hilfreiche Tipps geben, bevor uns der Kapitän auffordern wird, dass wir uns für den Start vorbereiten.

Britta wirkt sichtlich nervös vor der Premiere. Es ist heute ihr erster Langstreckenflug nach Asien. Bisher begleitete sie die meist sechsstündigen Transatlantikflug-Kurzstrecken von Europa nach Nordamerika. Zu ihrem Tagesgeschäft gehörten Flüge von Frankfurt, Brüssel, Paris und London nach Boston, New York, Miami oder Toronto. Kein Wunder, dass sie bei ihrer ersten weiteren Strecke in den Osten aufgeregter und zerstreuter ist, als üblich. Ich erinnere mich nur allzu gut zurück an meinen allerersten Langstreckenflug und schmunzle.
Sie wirft einen hektischen Blick auf eine Gruppe junger Japaner, die laut lachend das Handgepäck in den Ablagen verstauen. Mit geröteten Wangen steht sie vor mir. Ich vernehme ein leichtes Zittern in ihrer Stimme.
«Aber Melanie, was mache ich denn, wenn der Gast nicht nachgibt und noch mehr Alkoholisches möchte?»
«He, keine Panik. Das managst du genauso, wie bis jetzt auch», entgegne ich lächelnd. «Du hast hier prinzipiell die gleichen Möglichkeiten, wie auf deinen bisherigen Flügen. Beachte nur, dass vor allem die Japaner ziemlich wenig vertragen und sich rasch wie Kindsköpfe aufführen, wenn sie zu tief ins Glas geschaut haben. Da kann ihnen auch schon einmal die Hand entgleiten. Aber es gibt Schlimmeres, als eine verirrte Hand auf dem Po, es sei denn sie gehört einem notorischen Grapscher. Das ist dann ein No-Go», zwinkere ich ihr zu.
Ich gebe mir Mühe, sie zu beruhigen und drücke ihr sanft den Arm. Britta nickt zögernd und schaut mich mit großen Augen an.
«Also, alles, wie gehabt. Entweder du gibst dem Passagier zu verstehen, dass sein spezielles alkoholische Getränk, was es auch immer sein mag, ob Wein, Hochprozentiges, wie Gin und Whiskey schon aus ist. Oder du verdünnst die Sache mit Tonicwater und Eis und sparst bei der Menge, sodass es nicht auffällt. Du kannst versuchen ihn zu Bier, anstatt Wein zu überreden. Wir haben dafür extra kleinere Dosen mit nur 0,2 l an Bord. Sei auch umsichtig bei Frauen und Sekt. Aber bleib in jedem Fall freundlich und bestimmt. Ich sage dir noch mal, die benehmen sich wie Kinder und wissen genau, wie sie dich um den kleinen Finger wickeln können, wenn du dir eine Blöße gibst.»
Britta seufzt verzweifelt. «Das hört sich bei dir alles so spielend leicht an. Meinst du, das schaffe ich auch?»
«Na klar schaffst du das. Du bist doch nicht alleine», sage ich mit bestimmendem Tonfall und drücke ihre Schulter etwas fester. «Jetzt zieh dir noch schnell den Lippenstift nach und bändige gefälligst dein Haar.»
Ich sehe Erleichterung in ihrem Gesicht. Sie nickt mir dankbar zu und verschwindet rasch in Richtung Crew-Bereich.

Ich schaue ihr hinterher und verspüre eine Spur von Neid. Für diesen dicken blonden Haarbusch, der ihr aufgeregt pendelnd fast bis zur Taille reicht, bewundere ich sie, schon seit Jahren. Damals haben wir uns bei einem Seminar für Flugsicherheit kennengelernt. Ich hingegen kämpfe bereits seit einer Ewigkeit erbittert um jeden Millimeter. Manchmal habe ich das Gefühl, meine Haare würden rückwärts wachsen. Immerhin bringe ich es inzwischen auf eine vernünftige mittlere Länge. Doch zu meinem Leidwesen werden wohl noch einige Jahre vergehen müssen, bis sie nur in die Nähe der Gürtellinie reichen. Eine Freundin hatte mich deswegen ausgelacht, als ich mich bitterlich beklagte. Sie hat keinen blassen Schimmer, von der eitlen Welt über den Wolken. Obwohl die alten Zeiten längst vorüber sind, als Flugbegleiterinnen noch Stewardessen hießen und Qualifikationen, wie Schulbildung und Sprachkenntnisse für die Anstellung ebenso wichtig waren, wie Körpergröße, Gewicht, gute Erziehung und das attraktive Äußere. Vieles hat sich seit damals geändert, aber manches eben nicht. Heute kämpft jeder für sich, so gut aussehend wie möglich zu erscheinen. Und dabei bilden meine Kollegen leider keine Ausnahme. Eitelkeit beschränkt sich nicht auf Frauen alleine.

Die Reihen füllen sich. Nur noch wenige Passagiere warten vor dem Gate auf den Einstieg. Unsere Maschine scheint mir heute ausnehmend gut gebucht. Das verspricht jede Menge Arbeit.
Arbeit, um die mich genau jene Freundinnen beneiden, die mich wegen meiner Haare nicht ernst nehmen. Keine von ihnen, weiß etwas über die Kehrseite der Medaille. Und will es vielleicht auch nicht.
Sie lauschten immer nur neidvoll den Erzählungen von fernen, exotischen Ländern mit leckerem Essen, herrlichem Wetter, blauem Wasser und weißen einsamen Sandstränden. Von Schneestürmen, heftigen Gewittern und Turbulenzen, die uns in jedem Winter regelmäßig auf den Flügen in den Norden Amerikas heimsuchten, wollten sie nichts hören. Auch nicht davon, dass ich nur selten mein Zuhause sah.
Manchmal muss ich mich ernsthaft anstrengen und überlegen, welche Bilder an den Wänden hängen oder welche Farbe der Teppich im Wohnzimmer besitzt. Ganz zu Schweigen von einem geregelten Feierabend. Mich einfach aus der Kleidung schälen und aufs Sofa legen, den Fernseher einschalten und mich berieseln lassen, gibt es für mich so gut wie nie. Geschweige denn eine feste Beziehung mit einem netten Kerl, der mir das Gefühl vermittelt, zu Hause zu sein.
Dies alles blieb mir bisher verwehrt. Nur wenige meiner Freundinnen würden sich mit einer Fernbeziehung zufrieden geben und schon gar nicht meine verrückten Arbeitszeiten akzeptieren. Ich denke wehmütig an die beiden Verflossenen, mit denen ich es wenigstens einige Zeit ausgehalten habe. Oder sollte ich besser sagen sie mit mir?

André lernte ich in einer gepflegten Bar in Hamburg kennen, die bei den Kollegen der Flugbegleitung als kleiner Geheimtipp galt und es funkte sofort zwischen uns. Vielleicht lag es auch an den paar erholsamen Tagen auf den Seychellen, die ich mir zwischen dem Hin- und Rückflug gegönnt habe. Einfach nur Sonne tanken, den ganzen Tag faulenzen, geniale Drinks an der Poolbar schlürfen und die Seele baumeln lassen, so lautete mein Plan. Herrlich. Ich fühlte mich fast wie im Paradies. Nur ein Umstand trübte damals mein Idealbild vom vermeintlichen Paradies.
Was hätte ich darum gegeben, meine Hand, nach einem netten Typen auszustrecken, der neben mir im Liegestuhl ebenfalls die Sonne genießen würde. Ich hatte manchmal den Eindruck die maskuline Mischung aus Aftershave, männlichem Schweiß und Meeresbrise zu riechen, so intensiv überfiel mich die Sehnsucht. Doch da lag niemand neben mir. Die Liegestühle waren leer. Keiner, der mir die Hand hielt, mir den Rücken mit Sonnenmilch eincremte, der mich begehrte und der meine Lust stillte. Der es verstand, die richtigen Schalter zu drücken und mich in eine Welt der Wollust und Leidenschaft entführte.
Kein Wunder, dass André leichtes Spiel hatte, während ich mich zum damaligen Zeitpunkt in einer Aufwallung von Selbstmitleid suhlte. Es gibt dafür einen Ausdruck, den ich hasse, der es aber ziemlich präzise auf den Punkt bringt: notgeil.

Ich seufze und schwelge noch in meiner Gedankenwelt, als mich mein Kollege Ralph ins kalte Wasser der Realität zurückwirft.
«Diese Mutter auf 33D macht mich noch total fertig», schimpft er und verdreht die Augen. «Stellen sie mir doch bitte das Fläschchen in die Mikrowelle», äfft er gekonnt die Stimme einer Frau nach und schüttelt die Plastikflasche mit Babymilch vor meinen Augen. «Ich hab ihr versucht klar zu machen, dass ich das erst tun könne, wenn wir uns in der Luft befinden. Und ich würde ihr selbstverständlich das Fläschchen in heißes Wasser legen, aber das könne etwas dauern, bis es warm genug ist. Und was tut sie? Legt den Kopf schief und redet mich auch noch schwach von der Seite an. ‹Haben sie denn hier keine anständige Mikrowelle in diesem Flieger?›, blafft sie mich an. Ich hätte sie am liebsten erwürgen können. Dabei sind wir noch nicht einmal abgehoben.»
Ralph wirkt total verzweifelt. Ich kenne sein kleines Problem mit Müttern und ihren Kindern. Beherzt nehme ihm die Flasche aus der Hand und beruhige ihn. «Komm, gib her. Ich mach das für dich. Wir tauschen einfach die Gänge. Ich sag der Chefin Bescheid.»
Die Anspannung fällt schlagartig von ihm ab und weicht aufrichtiger Dankbarkeit.
«Melanie du bist ein Engel», flötet er und drückt mir überschwänglich einen Kuss auf die Wange.
«Still, beherrsche dich gefälligst. Was sollen den die anderen denken», wehre ich ihn spielerisch ab und öffne das Fach mit dem Wasserkocher.
Ich erschrecke fürchterlich, als plötzlich Britta vor mir steht, die mich schelmisch grinsend beäugt. Verflogen war ihre Unsicherheit, die sie noch vor Minuten quälte.
«Was war das denn eben? Ein kleines Küsschen unter Kollegen? Sag bloß, da läuft was zwischen euch beiden?»
Ich stöhne innerlich auf. Oh Mann, bin ich hier denn keine Sekunde unbeobachtet? Ohne zu zögern, setze einen überraschten und abweisenden Blick auf. «Ach, das ist doch nur Ralph. Der benimmt sich immer so», versuche ich, möglichst unbeteiligt zu entgegnen, und zucke mit den Achseln.
Brittas Blick ruht eine Spur zu lange auf mir, sodass ich fürchte, mit dem Bluff gescheitert zu sein. Ihre Worte bestätigen die Ahnung.
«Mich hat er bisher nicht versucht zu küssen. Und dann noch dieser verliebte Dackelblick von ihm. Ich glaube, ich freue mich schon, später eine spannende Geschichte von dir zu hören.»
«Aber da gibt es nichts. Außerdem ist das dein erster Flug mit Ralph. Wie willst du da ...», begehre ich auf.
Britta ist jedoch bereits Richtung Cockpit verschwunden. Wüsste ich nicht zufällig von Katja, was die letzte Crew Britta angetan hatte, wäre ich jetzt wegen ihres unmöglichen Verhaltens stinksauer. Doch so genießt sie wohl noch eine Weile Welpenschutz, außer sie würde es zu sehr übertreiben. Ich werde sie mir im geeigneten Moment zur Brust nehmen und ihr die Spielregeln hier bei uns erklären - nachdrücklich und in aller Deutlichkeit. Jetzt habe ich aber weder die Zeit noch den Nerv dazu.

Ralph. Das lag eine gefühlte Ewigkeit zurück. Ich erinnere mich an meinen ersten langen Flug nach Kapstadt. An Ralph. Und seinen Charme, den er schon damals geschickt verstand einzusetzen. Vielleicht war alles auch nur passiert, weil ich mich erst wenige Wochen zuvor von André getrennt hatte. Aber was war eigentlich schon groß geschehen? Wir haben gemeinsam ein paar Drinks in einer netten Bar getrunken. Womöglich ein, zwei zu viel. Kein vernünftiges Abendessen, nur eine Handvoll Kräcker und Brezeln, dann noch die Hitze dazu. Der Alkohol hatte zumindest bei mir leichtes Spiel. Irgendwann standen wir auf der Tanzfläche und Ralphs Hände landeten auf meinem Po. Ich hatte es genossen, mit ihm zu tanzen und dabei gestreichelt zu werden. Er presste mich ein bisschen fester an sich, als es höflich gewesen wäre. Ich bekam Gänsehaut, als ich dann noch seinen heißen Atem am Hals spürte. Plötzlich lagen seine Lippen auf den meinen. Das Lied endete und damit auch dieser kurze magische Moment. Er hauchte mir zum Dank einen flüchtigen Kuss auf die Wange, bevor er sich rasch abwendete. Das war’s. Ein Flirt, mehr nicht. Eigentlich nicht einmal der Rede wert. Und was meinte Britta mit ‹Dackelblick›? Mir ist es bisher nicht aufgefallen, dass mich Ralph irgendwie besonders ansieht. Er schaut mich schon immer so an. Jedenfalls kenne ich es nicht anders.

Jener André, den ich in dieser Bar in Hamburg ein knappes Jahr zuvor zum ersten Mal getroffen hatte, gehörte zu einem gänzlich anderen Kaliber. Ich kann mich noch ziemlich gut erinnern, an jenem Abend alleine dort gewesen zu sein. Die restliche Crew war zu erledigt von unserem zurückliegenden Flug in die Südsee, der uns wegen einigen technischen Problemen gehörig auf Trab gehalten hatte. Eigentlich fühlte ich mich auch total zerschlagen, aber zum Schlafen hatte ich wegen des Jetlags erst recht keine Lust. Lediglich ein, zwei Absacker wollte ich mir gönnen und ein bisschen mit der netten Barfrau plaudern. Ich hatte die Rechnung ohne André gemacht.
Er erwies sich als äußerst sympathisch und aufgeschlossen für sämtliche Themen. Egal ob Weltpolitik oder Promitratsch gab er sich scharfsinnig und zugänglich zugleich. Selten machte es mir so viel Spaß, mich mit jemand Fremden zu unterhalten. Den Hunger stillten wir mit leckeren Snacks und die trocknen Kehlen vom vielen Reden mit Cocktails und einem erlesenen, süffigen Rotwein. Ehe ich mich versah, landete ich bereits wenige Stunden später mit ihm im Bett eines Nobelhotels. Die Geschehnisse dieser Nacht erscheinen mir noch heute, wie in einem nebelhaften Traum. Niemals hätte ich gedacht, dass es jemanden gelingen würde, mich in so kurzer Zeit zu umgarnen und zu beglücken, auf alle nur erdenklichen Arten und Weisen, die ich bisher nicht kannte. Er entdeckte an mir Stellen der Lust, von deren Existenz ich selbst noch nichts gewusst hatte. Ich erlag seinen Liebeskünsten ebenso, wie bereits Stunden zuvor seinem Charme. Und obwohl uns in der Nacht nur wenig Zeit für erholsamen Schlaf blieb, fühlte ich mich am nächsten Morgen nach dem Aufwachen so energiegeladen und rundum zufrieden wie noch nie zuvor im ganzen Leben. Ich hatte den Eindruck, als könnte ich schweben und zugleich Bäume ausreißen. So, als gehöre mir die Welt allein.
Alles hörte sich perfekt an. Er sei Geschäftsmann, besäße eine eigene Firma mit zahlreichen Niederlassungen rund um den Globus und wäre deshalb, genauso wie ich, sehr viel auf Reisen. Wir könnten uns immer wieder treffen, denn er wäre in der Lage einige der Termine an meine aktuellen Flugpläne anzupassen. Ich hatte das Gefühl vor Freude zu platzen, als er mir das erste Mal von seinen Absichten erzählte und willigte, ohne zu zögern, ein. Vielleicht fiel es mir deshalb so leicht, weil niemand meiner Kolleginnen und Kollegen davon wussten. Wäre ich nicht alleine in der Bar gewesen, hätte spätestens am nächsten Tag jeder der Crew an Bord Bescheid gewusst. Auf Tratsch und Neid konnte ich gut verzichten. Und das hätte es gegeben, so sicher wie das Amen in der Kirche. Denn wer von uns würde nicht gerne seinen Traumprinzen oder auch seine Prinzessin finden? Allzu viele Gelegenheiten bekamen wir bei unserem Beruf nicht geboten, außer wir würden Kompromisse eingehen. Nur noch Inlandsflüge oder Strecken innerhalb Europas wären eine Möglichkeit, um öfter zuhause sein zu können. Aber wollte ich das? Nicht heute und schon gar nicht damals.

Ich muss noch jetzt stöhnen, wenn ich an die unzähligen Nächte mit André zurückdenke. Aber auch wegen meines Bankkontos, das ich damals für allerlei teure Kleidung, hübsche Schuhe und Accessoires plünderte.

Er gab sich niemals kleinlich. Geld spielte für ihn keine Rolle, wenn er mit mir im besten Hotel Dubais nächtigte und ganz nebenbei eine komplette Suite belegte, nur für uns beide. Ich gab mich ihm völlig hin, als er mich in einem wahren Traum von Swimmingpool in Singapur vernaschen wollte hoch über den Dächern der Stadt oder mir tatsächlich drei unvergessene Nächte auf Bora-Bora spendierte, dem ultimativen Urlaubsparadies schlechthin. Die luxuriösen Hütten direkt über dem Wasser und der persönliche Butlerservice waren einfach traumhaft.

Ich konnte mein Glück damals kaum fassen, verriet weiterhin niemandem von meinem Freund und begann mich zu fragen, womit ich das alles verdient hatte. Mein pures Glücksgefühl vermischte sich mit einer gehörigen Portion Stolz, als er mich, Hand in Hand, durch die, für Normalsterbliche, unerschwinglichen Hotels und Nobelherberge führte und allen anderen unmissverständlich signalisierte, dass wir ein Paar waren. Wie hätte ich auch nicht stolz sein sollen? André gehörte wohl nicht zu den smarten muskelbepackten Sonnyboys, die mit ihrem Surfbrett unter dem Arm jede Bikini-Schönheit am Strand bezirzten. Er bewegte sich auch weitab der von Film, Funk und Fernsehen bekannten Glamourwelt der Stars und Sternchen mit all ihren Intrigen und ihrem Hunger nach fetten Schlagzeilen auf den Titelseiten der Boulevardpresse. André spielte in einer völlig eigenen Liga. Sein gepflegtes Äußeres, seine lebhaften Augen und sein markantes Kinn, das zu jeder Zeit frisch rasiert glänzte, fiel manchem erst auf den zweiten Blick auf. Genauso die erlesene Kleidung, die sämtlich aus maßgeschneiderten Anzügen, Hosen und Schuhen bestand. Für ein Paar seiner handgefertigten Treter musste ich einen Monat lang über den Wolken hart schuften.

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